Silvester in Leipzig-Connewitz: Polizeiforscher kritisiert Pressearbeit der Polizei



Das erste Urteil fiel schon acht Tage nach der Tat. Ein 27 Jahre alter Mann stellte einem Beamten in der Leipziger Silvesternacht ein Bein. Der Straßenkünstler wurde gut eine Woche später in einem “beschleunigten Verfahren” zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Damit hat die Aufarbeitung des Geschehens in Connewitz ein erstes konkretes Ergebnis. Vorbei ist sie noch lange nicht (lesen Sie hier mehr darüber). Am Freitagabend erschien eine Recherche des Portals “Buzzfeed News”, in der mehrere Menschen der Polizei ungerechtfertigte Gewalt vorwerfen. Zu den einzelnen im Artikel aufgebrachten Sachverhalten konnte ein Polizeisprecher auf SPIEGEL-Anfrage keine konkreten Angaben machen.

Noch ist unklar, was genau in der Silvesternacht in dem Viertel geschah. Klar ist allerdings, dass alle Vorgänge seither die Debatten über Linksradikalismus und das Vorgehen der Polizei befeuern.

SPD-Chefin Saskia Esken warf die Frage auf, ob die Einsatztaktik der Polizei angemessen gewesen sei. Dafür wurde sie aus den eigenen Reihen attackiert: Ex-Vizekanzler Sigmar Gabriel warnte davor, aus der Ferne “zu Schlaumeiern”. Esken ruderte schließlich zurück, sagte, sie fühle sich missverstanden. Die Gewerkschaft der Polizei lud sie schließlich zum Gespräch, Esken stimmte per Twitter zu, man sei “in der Terminfindung”.

Die Polizei sieht sich auch mit dem Vorwurf konfrontiert, ein falsches Bild über den Einsatz verbreitet zu haben. Stefan Jarolimek lebte lange in Leipzig; an der Deutschen Hochschule der Polizei lehrt und forscht er zu Öffentlichkeitsarbeit. Im Interview spricht er über Druck in den sozialen Medien – und eine überhitzte gesellschaftliche Debatte.

SPIEGEL: Herr Jarolimek, hat die Polizei bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit zu den Vorfällen in Connewitz Fehler gemacht?

Jarolimek: Ich war nicht vor Ort, meine Einschätzung ergibt sich also aus dem, was ich nachträglich erfahren habe. Dennoch finde ich: Die Kommunikation war unglücklich.

SPIEGEL: Warum?

Jarolimek: Um 4.47 Uhr an Neujahr versendete die Polizei Sachsen einen Tweet. Darin steht überhaupt nicht, was passiert ist, sondern es geht um einen verletzten Kollegen. Dazu war eine Pressemitteilung verlinkt, mit einem starken Zitat des Polizeipräsidenten, der angesichts der Gewalt fassungslos war. Das ist verständlich.

SPIEGEL: Aber?

Jarolimek: Es geht im Grunde um die Frage, wie neutral die Polizei sein muss. Darf sie auch mal fassungslos sein? Darf sie sagen: Hier wurde ein Kollege schwer verletzt, das geht so nicht? Oder muss sie immer sachlich bleiben?

SPIEGEL: Was empfehlen Sie?

Jarolimek: Es ist möglich, sich auch sachlich zu echauffieren. Am Beispiel des Tweets hieße das, mit dem Geschehen einzusteigen – und dann anzufügen, dass ein Kollege schwer verletzt wurde. Nicht umgekehrt. Es muss zuerst um den Tathergang gehen.

SPIEGEL: In dem Tweet stand auch, ein Kollege habe notoperiert werden müssen. Diese Angabe zog die Polizei später zurück.

Jarolimek: Mich überrascht, dass plötzlich alle nur noch über die vermeintliche Not-Operation gesprochen haben. Ich halte die Debatte für überhitzt.

SPIEGEL: Der Leipziger Polizeipräsident sagte der “ZEIT” zu dem Begriff Not-OP, das sei für die Polizei “im Grunde eine laienhafte Sache, weil wir ja keine Ärzte sind”. Befeuert die Polizei nicht die Entgleisung, indem sie drastische Begriffe leichtfertig verwendet?

Jarolimek: Das ist in der Tat ein Problem. In Leipzig hat, so vermute ich, der Ärger der Beamten dazu geführt, dass die Verlautbarungen zu emotional wurden. Bei Lagen wie Silvester kommt eine unglaubliche Bugwelle auf die Social-Media-Abteilungen zu. Die Kunst ist, in solchen Situationen zurückzutreten, das Geschehen sacken zu lassen. Doch bei der Schnelligkeit, die Kommunikation derzeit verlangt, gelingt das nicht immer.

SPIEGEL: Sind die Teams in den Pressestellen auf diese Herausforderung vorbereitet?

Jarolimek: Luft nach oben gibt es immer.

SPIEGEL: Sie haben für eine aktuelle Studie rund 250 Öffentlichkeitsarbeiter der Polizei befragt. Darin heißt es: In der Weiterbildung geht es nur um Grundlagen, ein fester Ausbildungsplan ist selten – selbst eine grundlegende Kommunikationsstrategie fehlt häufig. Klingt düster.

Jarolimek: Aber es ist auch schon viel passiert. Bei einer Behörde wie der Polizei, die sich mit dem Innenministerium abstimmen muss, dauert alles unglaublich lange. Dennoch gibt es Erfolge: Die Polizei in Rheinland-Pfalz hat kürzlich eine gute grundlegende Strategie für Öffentlichkeitsarbeit verabschiedet. Außerdem gibt es schon seit Jahren einen Beschluss, dass jede Polizeipressestelle, die in den sozialen Medien aktiv werden will, vorher zumindest ein rudimentäres Konzept vorlegen muss.

SPIEGEL: Wie gut sind Polizeipressesprecher ausgebildet?

Jarolimek: Die allermeisten haben keinen publizistischen Hintergrund, sondern sind Polizisten. Für einen Sprecher ist es wichtig, polizeiliches Fachwissen zu haben. In der Regel bekommen sie ein Grundlagentraining zum Auftreten bei Interviews oder dem Schreiben einer Pressemeldung. Manche fangen jedoch auch ohne diese Schulung an. Repräsentative Zahlen zum Ausbildungsstand haben wir nicht.

SPIEGEL: Gibt es Schulungen für Social Media?

Jarolimek: Bei der Deutschen Hochschule der Polizei gibt es seit Kurzem eine zertifizierte Ausbildung zum Social Media Manager. Wir haben gemerkt, dass es für die Polizei auf dem Markt nichts Passendes gibt, da sie anderen gesetzliche Vorgaben unterworfen ist als etwa Unternehmen.

SPIEGEL: Ein Polizeibericht gilt in vielen Redaktionen als besonders zuverlässige Quelle. Ein Fall wie in Leipzig untergräbt dieses Vertrauen.

Jarolimek: Das stimmt. Dennoch halte ich es für falsch, die Polizei aufgrund eines Begriffs im Ganzen in Frage zu stellen.

SPIEGEL: Auch an anderen Angaben gibt es inzwischen Zweifel. In der Vergangenheit gab es zudem immer wieder Fälle, in denen die Polizei ein falsches Bild vermittelte.

Jarolimek: Ich werde immer mit denselben Beispielen konfrontiert. In Berlin etwa meldete die Polizei nach einer Räumung, ein Türknauf sei unter Strom gesetzt worden, es habe Lebensgefahr für einen Beamten bestanden. Das wurde später richtiggestellt. Ich sehe auch die Gefahr, dass die Pressearbeit der Polizei durch die Fokussierung auf ihre Fehler verzerrt dargestellt wird.

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Icon: Der Spiegel



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