NFL-Playoffs: Tom Brady bei New England Patriots vor Aus



An einem nebligen, regnerischen Januarabend könnte in Foxborough, Massachusetts, eine der größten Karrieren im American Football zu Ende gegangen sein. Als hätte das Schicksal ein Bühnenbild für den Abgesang inszeniert, stand Tom Brady, der vielleicht beste Quarterback der NFL-Geschichte, verzweifelt in der eigenen Endzone und warf den Ball mit noch 15 Sekunden auf der Spieluhr zum Gegner. “Das ist ein hartes Ende”, sagte Brady danach auf das Spiel bezogen – und dennoch mehrdeutig.

Nicht nur wegen des Wetters fühlte sich der Abend in New England an wie eine Geisterstunde: Die Patriots sind schon seit Wochen nicht mehr sie selbst – bereits drei der letzten fünf Saisonspiele gingen verloren, unter anderem am letzten Spieltag zu Hause gegen Miami. Für den Titelverteidiger ist die Saison nach einer 13:20-Niederlage gegen die Tennessee Titans nun bereits in der ersten Playoff-Runde beendet.

Dabei sollte ausgerechnet in den Playoffs die alte Magie der Brady-Belichick-Ära noch einmal ihre Wirkung entfalten. Zauberkräfte hätte es zwar nicht gebraucht, um die Titans an diesem Abend zu stoppen, doch den Patriots fehlten exakt jene Tugenden, die sie in der Vergangenheit ausgezeichnet hatten: auf jeden Spielzug des Gegners vorbereitet sein, den eigenen Game Plan konsequent zu Ende spielen, funktionieren wie ein Uhrwerk.

Brady will Karriere nicht beenden

Die Frage ist, ob die Probleme vor allem auf dem langsamen, altersbedingten Niedergang ihres Quarterbacks beruhen. Brady zeigte auch bei seinem vorerst letzten Auftritt immer wieder Anzeichen alter Genialität und Größe – aber die meiste Zeit sah man einen 42-Jährigen, der wie der alte Mann und der Football wirkte. Trotzdem sind seine statistischen Werte nach wie vor konkurrenzfähig. Seit seinem 40. Geburtstag hat er 36 Spiele gewonnen und nur 13 verloren.

Mit Ablauf der aktuellen Saison endet der Vertrag des sechsfachen Super-Bowl-Gewinners bei den Patriots. Offen ist, ob er noch mal einen neuen Vertrag in New England unterschreibt oder – sei es auch noch so schwer vorstellbar – seine Laufbahn bei einem anderen Klub beendet.

Brady wirkte in der Pressekonferenz nach dem Spiel müde, wollte sich bei der Zukunftsplanung nicht festlegen. Dass er seine Karriere nun beende, sei jedoch “ziemlich unwahrscheinlich”. “Hoffentlich unwahrscheinlich”, fügte er hastig hinzu. Gefragt danach, ob ihm die Zeit davonlaufe, wurde der Quarterback fast philosophisch: “Uns allen laufen die Zeit und die Gelegenheiten davon, mit jedem Jahr, das wir älter werden.”

New Englands Probleme sind größer als Brady

New England hat auch jenseits von Brady sehr viele Baustellen: Die Patriots spielten mit dem ältesten Kader der Liga, was nicht nur an Brady liegt, sondern auch an Spielern wie dem 39-jährigen Tight End Ben Watson oder einer Defense, die im Schnitt 29 Jahre alt ist. All das reichte immer noch für zwölf Saisonsiege, aber nur drei davon stammten aus Spielen gegen Gegner auf Augenhöhe.

Das Draft-System der NFL ist darauf ausgelegt, Wandel herbeizuführen. Erfolgreiche Teams können tendenziell weniger gute Spieler aus den Colleges verpflichten als unerfolgreiche. Das Ziel ist es, die Liga ausgeglichen zu gestalten und Serienmeister zu verhindern.

Wer dieser eingebauten Wettbewerbsregulierung als Topteam ein Schnippchen schlagen will, muss mit dem für alle Teams gleichen Gehaltsbudget besser haushalten. Weitsichtigeres Scouting und clevere Einkäufe sind der Schlüssel. New England hat dies unter Coach Bill Belichick fast 20 Jahre lang nahezu meisterhaft verstanden.





Adam Glanzman / AFP

Belichick führte die Patriots zu sechs Titeln

Obwohl Brady im Laufe seiner Karriere Millionen verdient hat, war er gemessen an seinem Status stets bescheiden und mannschaftsdienlich. Er verzichtete lieber auf Geld, um mehr Topleute an seiner Seite zu haben. Doch auch das wird unter Umständen nicht mehr reichen.

Mit den etwa 49 Millionen Dollar (knapp 44 Millionen Euro), die den Patriots bei der aktuellen Ausgabegrenze noch zur Verfügung stehen, kann man keine großen Sprünge machen. Zumal Brady sicherlich allein die Hälfte kosten würde, sollte er einen neuen Vertrag unterschreiben. Eine ganze Reihe weiterer verdienter Spieler hat auslaufende Verträge. Mit der zur Verfügung stehenden Summe kann man vielleicht ein paar von ihnen halten, aber danach steht nur noch die zweite Talentreihe der NFL zur Verfügung.

Mit Belichick in die Zukunft?

Die zweite Option ist daher eindeutig: ein Umbruch. Der würde damit beginnen, Brady ziehen zu lassen und einen jungen Quarterback zu draften, um den herum man das Team neu aufbaut. Doch ist Belichick dafür der richtige Mann? Der 67-jährige Headcoach sagte vor längerer Zeit, er wolle in seinen 70ern nicht mehr arbeiten. Mittlerweile hat er diese Aussage relativiert. Doch ob er wirklich bereit ist, eine derart langfristige Strategie zu wählen, bei der man unter Umständen zunächst auf die Playoffs verzichten muss, scheint zweifelhaft.

Nicht zum ersten Mal wurde Belichick gestern in Gestalt von Tennessees Head Coach Mike Vrabel von einem seiner ehemaligen Assistenten übertrumpft. Der Besitzer der Patriots, Milliardär Robert Kraft, gilt als ebenso erfolgsbesessen wie loyal. Dass er sich gegen dessen Willen von seinem langjährigen Erfolgstrainer trennt, scheint ausgeschlossen.

In dieser komplizierten Gemengelage könnte Brady durchaus einen Wechsel anstreben – und mit einem vergoldeten Vertrag zwei bis drei Jahre in den Karriere-Sonnenuntergang reiten. Interessierte Teams gäbe es sicher genug. Bradys Frau Gisele Bündchen allerdings dürfte wenig begeistert sein, da sie sich seit Jahren um seine langfristige Gesundheit besorgt zeigt – und mehrfach geäußert hat, dass sie es begrüßen würde, wenn er den Helm an den Nagel hängte.

Belichick weigerte sich, irgendwelche Fragen zum Karriereende von Brady zu beantworten und sagte: “Momentan haben wir nur dieses Spiel beendet.” Während sein Coach wie immer nach Niederlagen vor allem wütend und genervt wirkte, war Brady deutlich emotionaler und offener. Doch auch seine Antworten blieben am Ende nebulös wie das Wetter. Mit “wer weiß, was die Zukunft bringt”, verabschiedete er sich aus Foxborough – zunächst nur für diesen Abend.



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